Interview mit abgeordnetenwatch.de: Über Plenarprotokolle, Digitalisierung & die Arbeit mit der Datenschule

CC-BY-4.0, abgeordnetenwatch.de, Foto: Jasmin Helm

In den letzten Monaten haben wir gemeinsam mit unserem Partner abgeordnetenwatch.de zu den Plenarprotokollen des Bundestags gearbeitet. Mit Boris Hekele und Christina Lüdke von abgeordnetenwatch.de sprachen wir in einem Interview über die Chancen der Digitalisierung für gemeinnützige Organisationen, die Zusammenarbeit an den Daten und unser gemeinsames Projekt OffenesParlament.de.

I Digitalisierung für NGOs

Digitalisierung verändert die Welt der gemeinnützigen Organisationen. Was bedeutet Digitalisierung für euch? Was verändert sich für euch?

Abgeordnetenwatch.de ist 2004 angetreten, um Abgeordnete über das Internet befragbar zu machen. Diese Funktionalität gab es weltweit bis dato nicht. Auch die Dokumentation des Abstimmungsverhalten der Bundestagsabgeordneten war bis dato nicht nachvollziehbar einsehbar. Von daher hat abgeordnetenwatch.de zur Digitalisierung der repräsentativen Demokratie beigetragen.

Wie können sich NGOs besser auf die Herausforderungen der Digitalisierung vorbereiten?

Verwaltungsprozesse werden durch die Digitalisierung schrittweise transparenter. NGOs bekommen so mehr Einblick in staatliches Handeln. Zudem ermöglicht die Digitalisierung auch die eigene Arbeit schneller und effektiver zu verbreiten; die kontinuierliche Benutzung von Social Media wird aber weithin unterschätzt, um auf sich aufmerksam zu machen. NGOs verpassen es häufig anhand von Daten ihre eigene Wirkung zu kommunizieren.

Welche Kompetenzen werden zukünftig für NGOs wichtig sein?

NGOs unterschätzen die Möglichkeiten durch IFG-Anfragen an relevante Informationen zu kommen. In vielen Verwaltungsvorgängen könnten NGOs heute schon mehr Einblick bekommen, müssen dafür aber ihre rechtlichen Kompetenzen erst entwickeln. Die in den gewonnenen Daten wohnenden Geschichten werden zudem von NGOs noch nicht ausreichend erzählt. Die Kompetenz anhand von guten, auf Daten basierenden Visualisierungen auf Missstände hinzuweisen, muss erst entwickelt werden.

II Chancen für Abgeordnetenwatch

Alle sprechen über Daten, wie nutzt ihr Daten als Organisation im Rahmen eurer Projekte und Aktionen? Wo möchtet ihr Daten noch stärker in Zukunft nutzen?

Wir nutzen vor allem die Daten des Bundestages, der Landesparlamente und des EU Parlamentes. Parlamentarische Prozesse sind aber divers und komplex. Wir versuchen aus den durch die Verwaltungen der Parlamente bereitgestellten Daten Visualisierungen zu erstellen und so die Arbeit der Abgeordneten transparenter zu machen.

Welche Chancen und Herausforderungen seht ihr in der Arbeit mit Daten für euch?

Die Komplexität der bereitgestellten Daten ist seit jeher eine Herausforderung für abgeordnetenwatch.de, da Formate und Inhalte sich von Parlament zu Parlament unterscheiden. Für abgeordnetenwatch.de stehen wir weiterhin vor der Herausforderung, die zum Teil großen unbereinigten Datensätze in Geschichten zu verpacken, die erzählbar sind.

III Zusammenarbeit mit der Datenschule, Lessons Learned

In den letzten vier Monaten haben wir intensiv an OffenesParlament.de gearbeitet und Workshops mit euch durchgeführt. Was hat euch dazu bewegt, mit uns zusammenzuarbeiten? Warum ist das Thema data literacy wichtig für euch?

Alle im Team arbeiten jeden Tag mit Daten und fast ausschließlich im Internet - nur wenige haben aber einen IT-Hintergrund. Daher ist es für uns alle hilfreich zu lernen, effizient mit Daten umgehen, mit ihnen arbeiten und alles aus ihnen herausholen zu können. Oft haben wir große Datensätze, die wir strukturieren müssen, um mit ihnen Geschichten erzählen zu können. Wir setzen uns für offene Daten und gleichzeitig Datenschutz ein, daher ist es für uns wichtig, mehr darüber zu wissen.

Während des Projekts haben wir uns in einem Workshop entlang der Data Pipeline gearbeitet und etwas über Datenrecherche, Analyse und Visualisierung gelernt. Welche Ansätze waren neu für euch und warum?

Wir stoppen oft nach der Analyse - wir beschreiben die Ergebnisse zwar in Texten, haben aber noch nicht wirklich gute Visualisierungstools. Wir haben im Workshop festgestellt, dass wir hier die Wirkung der Daten noch nicht ausreichend ausnutzen und wollen künftig mehr daran arbeiten. Wir haben festgestellt, dass die Ansätze bei jedem Teammitglied anders sind und wir noch nicht ausreichend zusammen- oder ähnlich arbeiten - der Fokus darauf hat uns geholfen, hier nach mehr Synergiemöglichkeiten bei der Arbeit mit Daten zu suchen.

In unserem gemeinsamen Projekt haben wir die Plenarprotokolle des Bundestags maschinenlesbar und durchsuchbar gemacht. Was findet ihr an den Daten besonders interessant? Und was ist aus eurer Sicht das Besondere an OffenesParlament.de?

Das Besondere ist, dass die Plenarprotokolle erstmalig maschinenlesbar zugänglich gemacht wurden. Größere Nachrichtenredaktionen wollen in diesem Datenbestand nun nach Geschichten suchen. Mit einem Forschungsinstitut sind wir derzeit zu Offenes Parlament in Kontakt. Abgeordnetenwatch.de wird die Plenarprotokolle auch in die Profile der Bundestagsabgeordneten integrieren, sofern die Protokolle auch für die neue Legislatur maschinenlesbar gemacht werden können.

Was sind eure wichtigsten Erkenntnisse, die ihr aus dem Projekt und der Kooperation mitnehmt?

Dass die Extraktion der Daten aus den Plenarprotokollen auch in gemeinsamer Anstrengung sich als durchaus schwierig erwiesen hat. Im Team hat sich zudem im “Erleben” der Daten-Pipeline ein tieferes Verständnis für die Gewinnung von Daten verfestigt. Es wird immer wieder auf das Offene Parlament referenziert. Von daher würde ich weniger eine spezielle Erkenntnis nennen, sondern vielmehr das allgemein tiefere Verständnis zu Daten als Gewinn bezeichnen.

Wo seht ihr euch in Zukunft, wenn es um das Arbeiten mit Daten geht?

Wir arbeiten nach wie vor täglich mit Daten, werden in Zukunft verstärkt versuchen, die Daten zu visualisieren und bis zum “Ende” zu nutzen, um keine Ressourcen zu verschenken und die Wirkung der Geschichten und Recherchen zu erhöhen.