Mit digitalen Tools Gesellschaft gestalten - Interview mit jugend.beteiligen.jetzt

Christoph Piecha, CC BY 3.0 DE (RGB)

Die Demokratielabore wollen Jugendliche dazu ermutigen, sich mit Hilfe von digitalen Kompetenzen und Technologien selbstbestimmt und aktiv an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen. Doch wie kann eine Jugendbeteiligung mit digitalen Tools genau aussehen? Und welche Herausforderungen gibt es? Lest mehr darüber im Interview mit Frank Segert, Programmmitarbeiter bei der Deutschen Kinder – und Jugendstiftung (DKJS), verantwortlich für die Plattform jugend.beteiligen.jetzt – für die Praxis digitaler Jugendbeteiligung.

Demokratielabore: Was ist die Idee von jugend.beteiligen.jetzt und an wen richtet sich die Plattform?

Frank Segert: jugend.beteiligen.jetzt bietet Hilfe für die Praxis digitaler Jugendbeteiligung. Die Plattform stellt Know-how zu Prozessen und Tools bereit und bietet Qualifizierung an. Sie zeigt gute Beispiele und stellt ausgewählte Jugendbeteiligungsprojekte vor. Unser Ziel ist es, im Alltag von Jugendlichen und von politischen Entscheidungsträger/innen eine lebendige Beteiligungskultur zu verankern. Unsere Zielgruppen sind all jene, die zeitgemäße Jugendbeteiligungsangebote machen wollen oder sollen. Hierzu gehören Fachkräfte aus der Kommune, aus der Jugendhilfe und aus Jugendverbänden sowie Prozessmoderator/innen. Diese finden auf der Plattform jugend.beteiligen.jetzt Argumentationshilfen, Materialien, Online- wie Offline-Qualifizierungen, Gute-Praxis-Projekte, Tool-Beschreibungen, aktuelle Ausschreibungen und Termine.

Welche Rolle spielen digitale Tools in der Jugendarbeit bisher? Wo werden sie bereits häufig genutzt?

Die Nutzung digitaler Tools in der Jugendbeteiligung ist sehr unterschiedlich und hängt häufig von der Qualifikation, der Arbeitsbelastung und auch vom Idealismus von Individuen ab. Während einige wenige Kommunen Online-Plattformen für ganze Beteiligungsprozesse bereits implementiert haben, erleben wir auch viele Fachkräfte, die sich auf den Weg machen und erst mal Projekte initiieren, um Praxiserfahrungen zu sammeln. Oftmals kommen digitale Tools wie das Barcamptool Camper oder Kahoot punktuell bei Präsenzveranstaltungen zum Einsatz und wieder andere beschwören, dass die Einbindung von digitalen Methoden die Zwischenmenschlichkeit in der Jugendarbeit verdränge. Gegen letztere Position hilft das Ausprobieren „kleiner“, spielerischer Tools ganz gut.

Wieso ist digitale Jugendbeteiligung wichtig? Welche Chancen und Potentiale ergeben sich daraus?

Junge Menschen haben das Recht sich zu beteiligen, d.h. dass ihre Meinung in allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Hand Gehör finden muss. Nicht immer wird jungen Menschen dieses Recht zugestanden. Dabei erfüllt Jugendbeteiligung enorm wichtige Funktionen bei der Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen. Wenn ein junger Mensch erfährt, dass sein Einsatz sich auszählt und in Institutionen, in der Nachbarschaft oder auch im (vor)politischen Raum etwas bewirkt, stärkt diese Selbstwirksamkeitserfahrung seine Motivation, sich auch in Zukunft einzusetzen, seine Identifikation mit dem Ort und dem Gemeinwesen. Für das demokratische System ist diese Erfahrung ungemein wichtig, denn sie lehrt, dass das Eintreten für Anliegen auch im repräsentativen, parlamentarischen System von großer Bedeutung ist. Erst mit einer Zivilgesellschaft wird eine Demokratie so richtig lebendig.
Nun sind klassische Formate der Bürger/innenbeteiligung und Kanäle zur Konsultation, die das politische System vorsieht, wie Foren, Bürger/innensprechstunden oder Petitionen, für junge Menschen nicht attraktiv. Digitale Medien aber nutzen junge Menschen ganz selbstverständlich. Darüber bietet sich eine Möglichkeit, bislang nicht erreichte Zielgruppen anzusprechen. Außerdem sprechen Transparenz der Prozesse und Unabhängigkeit von Zeit und Ort dafür, Beteiligungsprozesse digital zu denken. Auf der Plattform haben wir weitere gute Gründe für digitale Jugendbeteiligung zusammengestellt.

Die Digitalisierung hinkt bisher in einigen Gesellschaftsbereichen ihren Möglichkeiten noch weit hinterher. Welche Herausforderungen siehst du für die digitale Jugendbeteiligung aktuell?

Ich sehe vier Herausforderungen, an denen wir auf unterschiedlichen Ebenen arbeiten:

  1. Bei der Implementierung von digitalen Komponenten gerät manchmal aus dem Blick, dass es in erster Linie um einen guten Beteiligungsprozess geht, und nicht darum, dass eine Kommune oder eine Institution auch „mal etwas Digitales macht.“ Im Idealfall sollte das Thema auch von jungen Menschen eingebracht werden. Welche Tools – analog wie digital – zum Einsatz kommen, sollte sich am Prozess orientieren, und nicht am Gusto von erwachsenen Initiator/innen.
  2. Meiner Wahrnehmung nach werden Jugendbeteiligungsprozesse oft in einer Dichotomie gedacht, die nicht existiert: In der Lebenswelt von Jugendlichen verschmelzen die Sphären des Digitalen und des Analogen. Eine Trennung, wonach man nur entweder digitale oder analoge Methoden einsetzen könne, macht keinen Sinn. Das bedeutet auch, dass wir von keiner Fachkraft erwarten, bewährte analoge Methoden in den Ruhestand zu versetzen, und fortan ausschließlich digital zu arbeiten. Zuweilen begegnen wir dem Vorwurf, alles müsse heute digital sein – nein, es geht um einen zeitgemäßen Prozess, in dem die Vorteile digitaler Beteiligung zum Tragen kommen. Diese schließen bewährte Konzepte mitnichten aus. Zukunftswerkstätten etwa können doch sehr wohl mit einer Online-Ideensammlung im Vorhinein transparent vorbereitet und die Ergebnisse der Präsenz-Veranstaltung anschließend digitalisiert und online diskutiert werden.
  3. Viele Anwendungen im Bereich digitaler Jugendbeteiligung – und da schließe ich unsere Tool-Entwicklungen mit ein – basieren auf der Bereitschaft, dass Jugendliche willens und fähig sind, ihre Ideen, ihre Kritik und ihre Meinungen in mehr oder weniger umfassender Form aufzuschreiben. Da wir damit einigen jungen Menschen Hürden in den Weg legen, müssen wir bildbasierte Formate, etwa mithilfe von Computerspielen, Videotechnik oder auch Virtual Reality weiterentwickeln, um inklusivere Beteiligungsformate zu ermöglichen. Einige Mitglieder unseres Qualifizierungsnetzwerk für digitale Jugendbeteiligung leisten dabei Pionierarbeit.
  4. Die mangelhafte Abdeckung mit Breitbandzugängen, gerade in ländlichen Räumen, ist auch für Beteiligung über das Internet naturgemäß ein Ärgernis. Da wo digitale Jugendbeteiligung in der Theorie die größten Potentiale hat, ist sie mit der aktuellen Infrastruktur oft nur mit Einschränkungen umzusetzen.

jugend.beteiligen.jetzt ist ein Gemeinschaftsprojekt von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), des Deutschen Bundesjugendrings (DBJR) und IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., initiiert und gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.